Exkursion zur Geschichtsdidaktik:

Sonderausstellung „200 Jahre Krupp – ein Mythos wird besichtigt“ im Essener Ruhrmuseum

Am 14. Juli 2012 hatte Submitter e.V. zu einem Besuch der Sonderausstellung zum 200-jährigen Jubiläum der Firma Krupp in das Ruhrmuseum auf Zollverein eingeladen. Bereits im Herbst 2011 besichtigten Vereinsmitglieder die Dauerausstellung zur Geschichte der Region, die sich über drei Ebenen in der ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein erstreckt und die Sozialgeschichte des Ruhrgebiets mit seiner Geogeschichte verbindet. Der Ort, in dem sich das Museum befindet, ist mehr eine Maschine als ein Gebäude. In seiner Musealisierung bilden ehemalige Produktionsprozesse vielschichtige Analogien zur Wahrnehmungssteuerung der Besucher.

Der didaktische Zugang zur Unternehmensgeschichte Krupps führt über den Begriff des Mythos. Die ambivalente Eigenschaft des Mythos, gleichzeitig Verklärung und Distanzierung, bildet die Leitdifferenz der Ausstellung. Sie korreliert so mit dem Mythos Krupp: Spätestens in den 1860er Jahren war Krupp zum Pionier der Unternehmensrepräsentation avanciert, der den eigenen Mythos in unvergleichbarer Weise selbst bearbeitete. Um 1900 geriet das Unternehmen jedoch zunehmend in den Fokus der öffentlichen Kritik, die ihrerseits eine Art Gegenmythos produzierte. Mit der Gegenüberstellung von „Idealisierung“ und „Dämonisierung“ führt die Ausstellung den Besucher ins Geschehen ein. Ihre drei Leitmotive – Familiengeschichte, Firmengeschichte und Geschichte des „Kruppianers“ – führen die gebrochene Darstellung konsequent fort.

Insbesondere anhand einiger prägnanter Beispiele zum besonders engen Verhältnis des Unternehmens zur Macht wurde die Präsentation der Exponate als „Kippbilder“ deutlich. So war etwa das 100-jährige Firmenjubiläum geradewegs auf Kaiser Wilhelm II. zugeschnitten. Die Ausstellung zeigt neben der „Hundertjahrfeier“ ebenso Exponate des 150-jährigen aber auch des 200-jährigen Firmenjubiläums im Jahr 2011. Der gemeinsame Angelpunkt besteht dabei im „Stammhausmythos“ als Symbol der bescheidenen Unternehmensanfänge. Das kleine Fachwerkhäuschen steht noch heute auf dem Gelände des Firmensitzes in Essen-Altendorf. Plötzlich wird Geschichte zu Gegenwart und der Mythos erstaunlich real ohne dabei seine unwirkliche Aura abschütteln zu können bzw. zu wollen.

Die Ausstellung entlässt den Besucher fasziniert und aufgewühlt. Die unbeschwerte Selbstdarstellung des Unternehmens und seine euphemistische und kühne Inszenierung des Markenkerns – der Stahl – wird vor dem Hintergrund zweier Weltkriege problematisch. Die Familiengeschichte zeigt ebenso auf, dass sich der eigene Mythos zunehmend zu einer Bürde für die Firmeneigentümer entwickelt hatte. Am Ende des Besuchs stand eine lebhafte Kontroverse darüber, inwieweit die Ausstellung der Gefahr der Mythenfortschreibung entgeht und inwieweit sie den Mythos aufklären konnte. Unzweifelhaft besteht eine Leistung der Ausstellung darin, die disparaten Sinnkonstruktionen zu spiegeln und dabei eine Pädagogisierung des Besuchers zu vermeiden.

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